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Steueratlas

Auswandern nach Russland: 11 Vorteile im Faktencheck

Veröffentlicht am 4.11.2026

Paar in Wollmänteln am Rand eines herbstlichen Birkenwaldes im tiefen Nachmittagslicht

Wer nach Auswandern Russland 11 Vorteile sucht, findet Videos und Listen, die immer wieder dieselben Punkte aufzählen: 13 Prozent Steuer, keine Erbschaftsteuer, billiges Leben, ein neues Visum für Menschen, die mit der westlichen Politik hadern. Einige dieser Punkte stehen tatsächlich so im Gesetz. Andere stimmen seit 2025 nicht mehr, und mehrere verschweigen, was seit 2022 den Alltag eines Deutschen, Österreichers oder Schweizers in Russland bestimmt. Wir haben die elf meistgenannten Vorteile einzeln an den Primärquellen geprüft: am russischen Steuergesetzbuch, an den Dekreten des Präsidenten, an den Reise- und Sicherheitshinweisen des Auswärtigen Amts und am Bundesgesetzblatt. Stand ist Anfang November 2026; Euro-Werte sind mit dem amtlichen Kurs der Bank of Russia für den 3. November 2026 gerechnet, 90,46 Rubel je Euro.

Unsere Einordnung im Länderprofil Russland bleibt: Ampel rot, kein Zielland. Der Faktencheck zeigt, warum, und er zeigt auch, wo die Vorteile echt sind.

Vorteil 1: „Nur 13 Prozent Einkommensteuer“

Stimmt nicht mehr. Russland war jahrzehntelang das Musterland der Flat Tax. Mit dem Föderalen Gesetz Nr. 176-FZ vom 12. Juli 2024 hat es seit dem Steuerjahr 2025 eine progressive Skala. Nach Artikel 224 des Steuergesetzbuchs gilt für steuerlich Ansässige:

Jährliches Einkommen in Rubelgrob in EuroSatz auf die Stufe
bis 2,4 Millionenbis 26.53013 %
2,4 bis 5 Millionen26.530 bis 55.27115 %
5 bis 20 Millionen55.271 bis 221.08418 %
20 bis 50 Millionen221.084 bis 552.70920 %
über 50 Millionenüber 552.70922 %

Kapitalerträge wie Dividenden und Gewinne aus Wertpapieren haben eine eigene, zweistufige Skala: 13 Prozent bis 2,4 Millionen Rubel, darüber 15 Prozent. Richtig bleibt: Für mittlere Einkommen ist die Last niedrig. Wer umgerechnet 50.000 Euro im Jahr verdient, liegt im Schnitt deutlich unter dem, was er in Deutschland, Österreich oder der Schweiz zahlt. Ein Flat-Tax-Land ist Russland aber nicht mehr; welche Länder noch einen einheitlichen Satz haben, zeigt unsere Liste der Flat-Tax-Länder.

Vorteil 2: „Die niedrigen Sätze gelten sofort“

Nur mit Ansässigkeit. Ansässig ist nach Artikel 207 Absatz 2, wer sich mindestens 183 Kalendertage innerhalb von zwölf aufeinanderfolgenden Monaten in Russland aufhält. Wer das nicht erreicht, zahlt auf russische Einkünfte in der Regel 30 Prozent (Artikel 224 Absatz 3). Die günstige Skala kostet dich also ein halbes Jahr Anwesenheit im Land, und zwar unter den Bedingungen, die weiter unten bei den Punkten 9 bis 11 stehen.

Vorteil 3: „Keine Erbschaftsteuer“

Stimmt. Russland erhebt keine Erbschaftsteuer, und Erbschaften von natürlichen Personen sind nach Artikel 217 Nummer 18 auch von der Einkommensteuer befreit. Schenkungen innerhalb der Familie sind nach Nummer 18.1 ebenfalls steuerfrei: zwischen Ehepartnern, Eltern und Kindern, Großeltern und Enkeln sowie Geschwistern. Schenkungen von Immobilien, Fahrzeugen oder Wertpapieren an Nichtverwandte sind dagegen steuerpflichtig.

Der Haken liegt nicht in Russland, sondern zu Hause. Ob Deutschland oder die Schweiz nach deinem Wegzug noch Erbschaft- oder Schenkungsteuer erheben, richtet sich nach ihrem eigenen Recht, und das fragt auch, wo die Erben wohnen und wo das Vermögen liegt. Wer wegen der Erbschaftsteuer umzieht, hat mit Russland also nichts gewonnen, was nicht auch Länder bieten, die keine roten Ampeln tragen; eine Auswahl steht in der Liste ohne Vermögen- und Erbschaftsteuer.

Vorteil 4: „Keine Vermögensteuer“

Stimmt. Das Steuergesetzbuch zählt in den Artikeln 13 bis 15 alle Steuern abschließend auf, und eine Vermögensteuer auf das Gesamtvermögen ist nicht darunter. Es gibt aber zwei kommunale Steuern auf Besitz: die Grundsteuer auf Land und die Vermögensteuer natürlicher Personen auf Immobilien, die sich nach dem Katasterwert richtet. Für eine normale Wohnung ist das wenig Geld. Ein Argument für den Umzug wird daraus nur, wenn du aus einem Land mit echter Vermögensteuer kommst, und das ist von den drei Herkunftsländern nur die Schweiz.

Vorteil 5: „Keine Grunderwerbsteuer, günstige Immobilien“

Die Steuer stimmt, der Kauf ist das Problem. Eine Grunderwerbsteuer kennt die Liste der Steuern nicht. Das Problem ist ein anderes: Nach Dekret Nr. 81 vom 1. März 2022 brauchen Geschäfte, mit denen Personen aus „unfreundlichen Staaten“ Eigentum an Immobilien oder Wertpapieren erwerben, eine Genehmigung der Regierungskommission für ausländische Investitionen. Welche Staaten das sind, legt die Regierungsanordnung Nr. 430-r fest: alle Mitgliedstaaten der EU und die Schweiz. Ein Deutscher, Österreicher oder Schweizer kauft eine Wohnung in Moskau also nicht einfach beim Notar.

Dazu kommt das Geld. Das Auswärtige Amt schreibt, dass Geldüberweisungen in die Russische Föderation gegenwärtig nicht möglich sind. Ein Kaufpreis lässt sich auf dem normalen Bankweg nicht zahlen.

Vorteil 6: „Das Leben ist billig“

Die Zahlen stimmen, der Alltag ist teuer erkauft. Setzt man den Kaufkraftfaktor der Weltbank für den privaten Konsum ins Verhältnis zum durchschnittlichen Wechselkurs 2025, liegt das Preisniveau in Russland bei rund 37 (USA = 100). Deutschland kommt auf 81, Österreich auf 85, die Schweiz auf 128. Derselbe Warenkorb kostet in Russland also gut die Hälfte weniger als in Deutschland. Die Werte für 2025 sind Schätzungen der Weltbank, die Rechnung ist unsere.

Zwei Dinge relativieren das. Die Mehrwertsteuer liegt seit 2026 bei 22 Prozent (Artikel 164 Absatz 3), und die Inflation lag laut Zentralbank im September 2026 bei 6,4 Prozent. Vor allem aber zahlst du in Russland nicht mit deiner Karte. Nach dem Auswärtigen Amt sind VISA, Mastercard, Bezahlapps und Abhebungen mit deutschen Karten nicht möglich. Bargeld in Euro darfst du nach der EU-Verordnung 833/2014 nur für den persönlichen Bedarf nach Russland mitnehmen; geduldet wird nach Angaben des Amts in der Regel ein Betrag im unteren bis höchstens mittleren dreistelligen Bereich. Wer mehr auszuführen versucht, riskiert ein Strafverfahren nach § 18 Außenwirtschaftsgesetz. Günstige Preise nützen wenig, wenn dein Einkommen nicht ankommt.

Vorteil 7: „Hohe Zinsen auf Rubel“

Nominal ja. Der Leitzins der Bank of Russia steht seit dem 27. Juli 2026 bei 14 Prozent. Abzüglich 6,4 Prozent Inflation bleibt ein realer Zins, von dem Sparer in Euro nur träumen. Nur: Das Geld muss erst nach Russland, und das geht laut Auswärtigem Amt nicht. Und es bleibt ein Rubel-Guthaben, dessen Wert in Euro vom Wechselkurs und von den Kapitalverkehrsregeln abhängt, die Russland seit 2022 mit Dekreten steuert. Ein hoher Zins in einer Währung, die du nicht frei bewegen kannst, ist kein Vorteil, sondern ein Risiko mit Prämie.

Vorteil 8: „Ein Visum extra für Menschen wie dich“

Stimmt, und das ist ernst gemeint. Mit Dekret Nr. 702 vom 19. August 2024 hat Russland einen eigenen Weg geschaffen: Wer aus einem Land umziehen will, weil er dessen Politik als Aufzwingen „destruktiver neoliberaler“ Ideologie ablehnt, kann eine befristete Aufenthaltserlaubnis ohne Quote und ohne Nachweis von Russischkenntnissen, Geschichte und Rechtskunde beantragen. Dafür gibt es ein einmaliges Privatvisum für drei Monate. Die Länderliste dazu, die Regierungsanordnung Nr. 2560-r vom 17. September 2024, nennt Deutschland, Österreich und die Schweiz ausdrücklich.

Was das Dekret nicht ändert: Die Erlaubnis gilt nach Artikel 6 des Ausländergesetzes drei Jahre, und die üblichen Ablehnungsgründe bleiben bestehen. Wer mit einem Visum über 90 Tage einreist, muss sich laut Auswärtigem Amt binnen 90 Tagen, mit Arbeitsvisum binnen 30 Tagen, umfangreichen Gesundheitsuntersuchungen unterziehen. Für die russische SIM-Karte verlangt Russland seit 2025 eine Registrierung mit Sozialversicherungsnummer, Konto auf dem Staatsportal und biometrischer Identifikation. Der Zugang ist leichter geworden; das Leben danach nicht.

Vorteil 9: „Kein Doppelbesteuerungsproblem“

Das Gegenteil stimmt. Mit Dekret Nr. 585 vom 8. August 2023 hat Russland die Kernartikel seiner Abkommen mit den „unfreundlichen“ Staaten ausgesetzt, darunter die mit Deutschland, Österreich und der Schweiz: im deutschen Abkommen die Artikel 5 bis 22 und 24, also die Verteilungsregeln von der Betriebsstätte über Unternehmensgewinne, Dividenden und Zinsen bis zum Arbeitslohn. Deutschland hat nachgezogen. Laut der Bekanntmachung im Bundesgesetzblatt vom 27. Juli 2026 ist das Abkommen von 1996 ab dem 1. Januar 2027 in seiner Gesamtheit suspendiert; die Verbalnote stammt vom 26. Juni 2026.

Für dich heißt das: Wer in Russland lebt und noch Einkünfte aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz hat, etwa eine Rente, Mieten oder Dividenden, kann sich auf keinen Abkommensschutz mehr verlassen. Beide Staaten können zugreifen, und ob einer den anderen anrechnet, entscheidet allein das jeweilige nationale Recht. Für Rentner und Vermieter ist das der teuerste Punkt der ganzen Liste.

Vorteil 10: „Sicher, ruhig und traditionell“

Das Auswärtige Amt sagt etwas anderes. Für Russland gilt eine Reisewarnung: „Vor Reisen in die Russische Föderation wird gewarnt.“ Das Amt nennt die Gefahr willkürlicher Festnahmen für Deutsche und deutsch-russische Doppelstaater, Verurteilungen auch aufgrund konstruierter Vorwände und vage Strafvorschriften, die politische Meinungsäußerungen erfassen. Moskau, die Umgebung von St. Petersburg und weitere Regionen sind vermehrt Ziel von Drohnenangriffen, Flughäfen werden immer wieder stundenlang gesperrt. Wer sich in Russland aufhält, soll laut dem Amt eine Ausreise prüfen.

Für Doppelstaater kommt hinzu: Russland sieht sie ausschließlich als russische Staatsangehörige, auch bei einer möglichen Einberufung. Die Teilmobilmachung von September 2022 ist laut Auswärtigem Amt nicht offiziell beendet. Konsularischen Schutz können die deutschen Vertretungen in diesen Fällen nicht leisten.

Vorteil 11: „Billige Energie und Rohstoffe vor der Haustür“

Im Moment nicht einmal das. Laut Auswärtigem Amt kommt es wegen beschädigter Raffinerien zu Engpässen bei Kraftstoff, teilweise mit Mengenbeschränkungen an den Tankstellen, auch in Moskau. Das Amt rät, bei Autofahrten damit zu rechnen, unterwegs nicht genug Kraftstoff zu bekommen. Dazu kommen regelmäßige Internetsperren und Drosselungen in einzelnen Städten und Regionen, bei denen oft auch VPN-Dienste nicht funktionieren, und eine stark eingeschränkte Nutzung von Messengern. Wer ortsunabhängig arbeitet, verliert damit die Grundlage seiner Arbeit. Der direkte Flugverkehr mit der EU ist eingestellt, Finnland hat alle Grenzübergänge geschlossen.

Die medizinische Versorgung entspricht nach dem Amt außerhalb der großen Städte oft nicht dem mitteleuropäischen Standard. Behandelt wird oft nur gegen Vorkasse, und die ist derzeit nur in bar möglich, auch im Notfall.

Was zu Hause steuerlich bleibt

Ein Umzug nach Russland beendet deine Steuerpflicht zu Hause nicht automatisch. Wer in Deutschland eine Wohnung behält, bleibt dort unbeschränkt steuerpflichtig, und ohne Abkommen gibt es ab 2027 keine Regel mehr, die den Konflikt auflöst. Wer Anteile an Kapitalgesellschaften hält, muss vor dem Wegzug die Wegzugsbesteuerung prüfen; welche Zielländer dabei günstiger liegen, zeigt die Liste der Länder ohne Wegzugsbesteuerung. Und wer sein Geld auf Konten außerhalb Russlands lässt, sollte wissen, welche Länder Kontodaten automatisch an Deutschland melden.

Die Bilanz der elf Vorteile

Von den elf Vorteilen, die beim Thema Auswandern nach Russland genannt werden, halten drei: keine Erbschaftsteuer samt steuerfreier Schenkungen in der Familie, keine Vermögensteuer und das erleichterte Visum. Fünf stimmen nur auf dem Papier: die niedrige Einkommensteuer, die erst mit 183 Tagen im Land greift, die fehlende Grunderwerbsteuer, das niedrige Preisniveau und der hohe Zins, die alle am gesperrten Zahlungsverkehr hängen. Drei sind schlicht falsch: der Abkommensschutz, die Sicherheit und die verlässliche Versorgung. Entscheidend ist, dass die echten Vorteile fast alle steuerlicher Natur sind und sich anderswo ohne diese Nachteile bekommen lassen.

Wer aus Russland vor allem die niedrige Steuer, die russische Sprache oder die Nähe zu Zentralasien mitnehmen will, findet in der Eurasischen Wirtschaftsunion Alternativen. Kasachstan etwa hat eine niedrige Einkommensteuer, ein internationales Finanzzentrum und funktionierendes Banking; die Einzelheiten stehen im Länderprofil Kasachstan. Russland selbst bleibt in unserer Bewertung, was es seit 2022 ist: rot, kein Zielland, aufgenommen, damit die Frage eine ehrliche Antwort bekommt.

Quellen: